Der Einfluss von Musik auf das Herz
Ob in der Bahn mit Kopfhörern, in der Küche beim Kochen oder als Hintergrundrauschen im Büro: Musik begleitet uns ganz selbstverständlich im Alltag. Sie kann beruhigen, antreiben, zu Tränen rühren oder die Laune heben. Die Reaktionen auf Klänge und Melodien sind aber nicht nur auf der emotionalen, sondern auch auf der körperlichen Ebene zu beobachten. Musik hat einen messbaren Einfluss auf die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Herzfrequenzvariabilität. Studien zeigen außerdem, dass Musiktherapie auch bei Herzgefäßerkrankungen einen positiven Einfluss haben kann.
Was passiert im Körper, wenn wir Musik hören?
Musik ist zunächst ein akustischer Reiz: Schallwellen treffen auf das Trommelfell, werden in Nervenimpulse übersetzt und im Gehirn verarbeitet. Musik aktiviert im Gehirn das sogenannte limbische System, und dort vor allem den Bereich, der für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist (Amygdala) und den Bereich, der an der Gedächtnisbildung beteiligt ist (Hippocampus).
Je nach Lautstärke, Rhythmus und Tempo wird auch das Nervensystem, im besten Fall der Parasympathikus, unterschiedlich stark aktiviert. Der Parasympathikus reguliert die Organfunktionen in Entspannungsphasen. Wenn wir entspannende Musik hören, reagieren unser Körper und das Herz-Kreislauf-System oft unmittel- und messbar:
- Die Herzfrequenz beruhigt sich und sinkt.
- Der Blutdruck sinkt.
- Die Herzfrequenzvariabilität steigt.

Was ist die Herzfrequenzvariabilität (HFV)?
Die Herzfrequenzvariabilität (HFV) beschreibt vereinfacht gesagt, wie stark die Abstände zwischen zwei Herzschlägen schwanken. Ein gesundes Herz schlägt nicht immer gleich wie ein Metronom, sondern passt sich ständig an äußere und innere Faktoren an.
- Eine hohe HFV bedeutet, dass der Körper gut reguliert und erholt ist.
- Eine niedrige HFV bedeutet, dass der Körper sich eher im Belastungs- oder Stressmodus befindet oder zu wenig Erholung hat.
Dabei gibt es keinen „perfekten“ HFV-Wert, der für jeden gilt. Einzelwerte sind meist auch nicht aussagekräftig, sondern vielmehr der persönliche Trend über mehrere Tage unter ähnlichen Messbedingungen. Die sicherste Methode, die HFV zu messen, ist ein EKG beim Kardiologen oder Hausarzt. Viele Hersteller von Smartwatches werben zwar damit, dass diese die HFV messen, aber gerade bei Herzrhythmusstörungen können sie oft ungenau sein.
Klassik, Pop oder doch lieber Metal? So wirken sich unterschiedliche Musikrichtungen aus
Eine Vielzahl an Studien befasst sich mit dem Einfluss unterschiedlicher Musikrichtungen auf Blutdruck und Herzfrequenz – mit dem Ergebnis, dass besonders klassische Musik von bestimmten Komponisten eine regulierende Wirkung hat, während Popsongs meist keine nennenswerten körperlichen Auswirkungen auslösen. Auch den Einfluss von Metal schauten sich die Forscher dabei genauer an.
- ABBA
Bei einem Versuch mit 60 Probanden wurde festgestellt, dass bei der Beschallung mit der schwedischen Popband ABBA im Vergleich zu klassischer Musik oder Metal kein nennenswerter Effekt auf das Herz-Kreislauf-System eintrat. - Johann Sebastian Bach
Stücke von Johann Sebastian Bach konnten in der gleichen Studie den Blutdruck um durchschnittlich 7,5 zu 4,9 mmHg senken, also zum Beispiel von 140 zu 90 auf 132 zu 85 mmHg. Die Herzfrequenz sank im Schnitt um circa sieben Schläge pro Minute.
mmHg = „Millimeter Quecksilbersäule“, die klassische Einheit für den Blutdruck. - Wolfgang Amadeus Mozart
Wenn es um heilsame Auswirkungen von Musik auf Körper und Geist geht, fällt ein Komponisten-Name besonders häufig: Wolfgang Amadeus Mozarts Kompositionen senken laut mehreren Studien nicht nur den Blutdruck und die Herzfrequenz, sondern sollen sogar wohltuend bei Tinnitus sein. Bei einer genauen Analyse der Werke stellte man fest, dass sie ein sehr hohes Maß an Periodizität aufweisen, also dass sich zum Beispiel Töne, Tonfolgen oder Intervalle häufig wiederholen und so für einen Wiedererkennungswert innerhalb des Stückes sorgen. Wiederholungen erzielen bei vielen Hörern also positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System. - Ludwig van Beethoven
Wer durch die Studien davon ausgeht, dass sich klassische Musik generell positiv auf den Blutdruck und die Herzfrequenz auswirkt, liegt nicht ganz richtig. Kompositionen Ludwig van Beethovens hatten diesen Effekt nämlich nicht. Kein Wunder, denn die Stücke Beethovens enthalten oft dynamische Wechsel und spannungsaufbauende Elemente. Sie wirken sich damit eher aktivierend als beruhigend auf unser Nerven- sowie Herz-Kreislauf-System aus. - Metal („Disturbed“)
Die große Überraschung in der Studie war, dass die Beschallung mit der Metal-Band „Disturbed“ nicht, wie man vielleicht vermuten würde, anregend auf das Herz-Kreislauf-System wirkte, sondern für einen beruhigenden Effekt sorgte – zwar nicht in dem Ausmaß wie Bach oder Mozart, aber dennoch stärker als ABBA oder keine musikalische Beschallung.
Musik als begleitende Therapie bei Herzgefäßkrankheiten
Musik ist kein Ersatz für Medikamente, Therapien oder ärztliche Betreuung, aber wird schon lange als begleitende Therapiemöglichkeit genutzt. Der Mechanismus dabei ist einfach: Stress, Angst und Anspannungen haben einen negativen Einfluss auf die Gesundheit von Menschen mit Herzgefäßerkrankungen (koronare Herzkrankheiten). Mit speziell komponierter Entspannungsmusik konnten Anspannungen verringert und Hinweise darauf gefunden werden, dass Musik als begleitende Maßnahme in der Reha helfen kann.
Fazit
Musik ist zwar kein Herzmedikament, die Erfahrungen zeigen jedoch: Wenn wir Musik hören, können sich die Herzfrequenz, der Blutdruck und die Herzfrequenzvariabilität verändern und positiv beeinflusst werden. Dabei gibt es keine feste Regel wie „Genre X wirkt immer so“. Vielmehr hat sich herauskristallisiert, dass neben Klassik selbst Metal eine beruhigende und regulierende Wirkung auf unser Herz-Kreislauf-System haben kann. Die Wirkung hängt immer auch vom Setting und natürlich dem individuellen Geschmack ab.
