Wenn der Darm floriert
Ausgabe 01/26
Der Darm kann weit mehr als „nur“ verdauen: Er steuert unser Immunsystem, beeinflusst den Hormonhaushalt und wirkt sich sogar auf die mentale Gesundheit aus.
Ob Stress, Ernährung oder Bewegung – viele Faktoren beeinflussen die Darmgesundheit. Gerät der Darm aus dem Gleichgewicht, macht sich das oft durch verschiedene Beschwerden bemerkbar. Ein Blick auf Aufbau und Funktion des Darms zeigt, wie wichtig ein gesunder Verdauungstrakt für das allgemeine Wohlbefinden ist – und was wir aktiv tun können, um ihn bestmöglich zu unterstützen

100
Millionen
Nervenzellen besiedeln die Wände des Magen-Darm-Traktes. Dieses Nervensystem ist größer als das im Rückenmark.
70-80
Prozent
der körpereigenen Abwehrzellen befinden sich im Darm.
15-30
Mal
sollte jeder Bissen gekaut werden. Das erspart dem Darm viel Arbeit.
10-20
Mal
pupst jeder Mensch durchschnittlich pro Tag.
Der Darm ist ein langer Muskelschlauch, der nicht nur für die Verdauung zuständig ist. Er produziert Hormone, wehrt Krankheitserreger ab und spielt eine wichtige Rolle für den Wasserhaushalt des Körpers. Vereinfacht gesagt, setzt er sich zusammen aus dem Dünndarm und dem Dickdarm.
Dünndarm: Dieser schließt an den Magenausgang an. Er ist gefaltet wie ein Fächer, wodurch eine große Oberfläche entsteht.
Enzyme zerlegen dort Nahrungsbestandteile wie Kohlenhydrate und Eiweiße in ihre Einzelteile. Die Dünndarmwand nimmt diese auf und gibt sie an das Blut ab. Außerdem produziert die Darmwand Hormone, die die Gallen- und Bauchspeicheldrüse anregen und im Gehirn ein Sättigungsgefühl auslösen. Dickdarm: Er folgt auf den Dünndarm und nimmt Vitamine aus dem nährstoffreichen Nahrungsbrei auf.
Bestimmte Darmbakterien können aber auch selbst Vitamine herstellen. Außerdem entzieht er dem Nahrungsbrei Flüssigkeit, wodurch er zu Stuhl eingedickt wird. In wellenförmigen Bewegungen wird dieser Richtung Mastdarm, dem letzten Teil des Dickdarms, befördert. Dort angekommen, verursacht er den Drang, den Darm zu entleeren.
Im Magen-Darm-Trakt – also von der Speiseröhre bis zum After – befinden sich mehr als 100 Millionen Nervenzellen. Sie bilden das sogenannte enterische Nervensystem, das weitgehend selbstständig unsere Verdauung steuert. Hiervon stammt die Bezeichnung „zweites Gehirn“. Mithilfe von Botenstoffen kommuniziert es mit dem Gehirn. Es findet ein ständiger Austausch statt. Diese Verbindung nennt sich Darm-Hirn-Achse.
Einfluss der Psyche auf den Darm
Vermutlich jedem von uns hat mal etwas auf den Magen geschlagen. Angst, Kummer und andere Emotionen können die Ursache für Verdauungsbeschwerden sein – und bereits vorhandene Symptome verstärken. Der Hintergrund ist: Stresshormone stören die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn.
Das zeigt sich unter anderem in veränderten Darmbewegungen. Stress kann sie entweder beschleunigen, was in Kombination mit übermäßig Flüssigkeit im Darm zu Durchfall führt. Stress kann die Darmtätigkeit aber auch verlangsamen. Verstopfung ist die Folge. Chronischer Stress kann langfristig sogar die Anzahl nützlicher Darmbakterien reduzieren.
Einfluss des Darms auf die Psyche
Mehrere Studien zeigen, dass auch der Darm Einfluss auf die Psyche nimmt. Dafür verantwortlich ist vermutlich das sogenannte Darm-Mikrobiom (sie unten). Dieses kann bei Personen mit psychischen Erkrankungen typische Veränderungen zeigen.
VORSORGE
Darmkrebsfrüherkennung
Darmkrebs ist frühzeitig erkannt zu 90 Prozent heilbar oder entsteht durch rechtzeitiges Entfernen von Krebsvorstufen häufig gar nicht. Sobald Sie das 50. Lebensjahr erreicht haben, können Sie zweimal innerhalb von zehn Jahren eine Darmspiegelung in Anspruch nehmen. Alternativ zur Darmspiegelung können Sie alle zwei Jahre einen Stuhltest durchführen lassen: www.vividabkk.de/darmkrebs
Darmkrebs-Screening von zu Hause
Im Rahmen unseres digitalen Services TeleClinic bieten wir Ihnen ab dem 45. Lebensjahr ein besonderes Darmkrebsvorsorgepaket. Es beinhaltet einen Stuhltest, den Sie bequem zu Hause durchführen können. Das Ergebnis besprechen Sie nach Auswertung der Probe per Video online und ganz in Ruhe mit einem Arzt oder einer Ärztin. Dieses Angebot können Sie jährlich in Anspruch nehmen: www.vividabkk.de/video-sprechstunde
Ernährungsberatung
Leiden Sie immer wieder unter Verdauungsbeschwerden, kann eine Ernährungsberatung hilfreich sein. Unter bestimmten Voraussetzungen, zum Beispiel bei Nahrungsmittelallergien oder Übergewicht, stellt Ihr behandelnder Arzt eine Verordnung aus. Diese reichen Sie gemeinsam mit einem Kostenvoranschlag der Ernährungsberatung bei uns ein. Wir prüfen Ihren Antrag und geben unverzüglich Rückmeldung über eine Kostenübernahme: www.vividabkk.de/ernaehrungsberatung
In unserem Darm ist ganz schön was los: Billionen von Mikroorganismen leben dort. Sie und ihre Stoffwechselprodukte bilden das sogenannte DarmMikrobiom („Darmflora“). Dieses besteht zum überwiegenden Teil aus Bakterien, aber auch Viren, Pilze und Bakteriophagen besiedeln unseren Darm. Bakteriophagen sind spezielle Viren, die Bakterien gezielt angreifen und zerstören. Diese Mikroorganismen sind vor allem im Dickdarm zu finden, nur ein relativ kleiner Anteil besiedelt den Dünndarm. Die Mikroorganismen in unserem Darm leisten erstaunlich viel für unsere Gesundheit.
Sie regulieren das Immunsystem, stellen wichtige Vitamine und Botenstoffe her und helfen bei der Verdauung von Ballaststoffen. Dabei entstehen besondere Stoffe wie die Buttersäure. Diese zählt zu den kurzkettigen Fettsäuren, welche für unsere Darmgesundheit besonders wichtig sind: Sie liefern Energie für die Zellen der Darmschleimhaut, schützen vor Entzündungen und stärken die natürliche Schutzwand des Darms. Außerdem halten sie schädliche Keime fern, indem sie das Milieu im Dickdarm sauer halten.
Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, anhaltender Durchfall oder auch wenn sich die Stuhlgewohnheiten plötzlich ändern – all das sind Warnsignale, dass mit unserem Darm etwas nicht stimmt. Die Ursachen können vielfältig sein und sollten unbedingt ärztlich abgeklärt werden. In manchen Fällen ist das Darm-Mikrobiom aus dem Gleichgewicht geraten.
Finden die nützlichen Darmbakterien nämlich keine guten Lebensbedingungen vor, werden es immer weniger. Das schwächt die Verdauung und das Immunsystem. Gleichzeitig können sich schädliche Bakterien ausbreiten. Ärzte sprechen in diesem Fall von einer Dysbiose. Diese entsteht in der Regel aber nicht einfach so. Unser Lebensstil oder auch bestimmte Medikamente sind wesentliche Einflussfaktoren.
Es gibt Hinweise darauf, dass das Darm-Mikrobiom bei vielen Krankheiten eine Rolle spielt – zum Beispiel bei chronischen Darmerkrankungen, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Problemen, Allergien, Lebererkrankungen und sogar bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Die Forschung dazu steckt aber noch in den Kinderschuhen.
Durchfall, Verstopfung und Blähungen:
Diese Beschwerden sind meistens harmlos und verschwinden von selbst. Dauern sie länger als 14 Tage an, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden. Durchfall entsteht meist durch Infektionen mit Viren oder Bakterien, die durch verunreinigte Nahrung in den Darm gelangen. Der Körper versucht, die Erreger schnell wieder loszuwerden, und reagiert mit Durchfall. Auch Verstopfung hat meist harmlose Ursachen, zum Beispiel einseitige Ernährung, zu wenig Ballaststoffe, Flüssigkeit oder Bewegung. Blähungen und Krämpfe entstehen oft durch schwer verdauliche Lebensmittel oder ein gestörtes DarmMikrobiom.
Reizdarmsyndrom (RDS):
Das RDS kann sich durch Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung oder schleimigen Ausfluss äußern. Oft wechseln sich die Beschwerden ab. RDS ist zwar unangenehm, aber meist nicht gefährlich. Die genauen Ursachen sind noch unklar, vermutet werden u. a. empfindliche Darmnerven oder ein gestörtes DarmMikrobiom. Ein Ernährungstagebuch kann helfen, Lebensmittel zu identifizieren, die die Beschwerden verstärken.
Leaky-Gut-Syndrom (LGS): Einige Wissenschaftler diskutieren das Vorliegen eines LGS („Durchlässiger-DarmSyndrom“). Dabei leiden Betroffene unter starken Beschwerden wie Durchfall, Blähungen und Verstopfung – und das im Wechsel. Nach deren Vorstellung wird die Darmschleimhaut dadurch so beschädigt, dass sie durchlässig wird. Die Folge: Nährstoffe werden schlechter aufgenommen, Schadstoffe gelangen leichter in den Körper, das Immunsystem wird gereizt. Einige chronische Erkrankungen werden mit dem LGS in Verbindung gebracht. Die Befürworter des LGS raten zur Symptomlinderung mit Hausmitteln wie Wärme und Kräutertees. Ein Ernährungstagebuch könne helfen, Auslöser aufzuspüren. Betroffene können außerdem versuchen, mit Probiotika ihre Darmwand zu regenerieren und das Darm-Mikrobiom aufzubauen.
Prinzipiell gilt: Wer seinem Darm etwas Gutes tun möchte, sollte auf einen gesunden Lebensstil achten: Dauerhafter Stress setzt dem Darm zu. Lässt er sich nicht vermeiden, ist ein Ausgleich unerlässlich, zum Beispiel durch Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation, Atemübungen oder auch ruhige Musik. Unser Darm liebt Regelmäßigkeit: Feste Essenszeiten, Pausen und ein geregelter Stuhlgang tun ihm gut.
Für ein gesundes Darm-Mikrobiom sind ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte ideal. Sie nähren die guten Bakterien. Probiotische Lebensmittel wie Naturjoghurt und Skyr enthalten lebende Mikroorganismen. Außerdem wichtig: viel trinken und möglichst auf industriellen Zucker verzichten. Mehr dazu lesen Sie hier.

Körperliche Bewegung fördert die Beweglichkeit des Darms und hilft dabei, den Speisebrei zu transportieren. Versuchen Sie, mehr Aktivität in Ihren Alltag einzubauen, zum Beispiel öfter zu Fuß zu gehen. Noch besser: Treiben Sie zwei- bis dreimal pro Woche Ausdauersport. Zu guter Letzt: Seien Sie vorsichtig bei vermeintlichen „Wunderkuren“ zur Darmreinigung, teuren Darm-Mikrobiomtests oder Nahrungsergänzungsmitteln, die in sozialen Medien beworben werden, deren Wirkung aber häufig nicht wissenschaftlich belegt ist. Fragen Sie lieber Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.
INFO
Wie entsteht ein Pups?
Schon gewusst, dass in unserem Körper jeden Tag bis zu 2,5 Liter Gase entstehen? Und zwar nicht nur im Darm, sondern auch in der Speiseröhre. Denn gleich mehrere Prozesse erzeugen unabhängig voneinander verschiedene Gase:
Speiseröhre:
Mit der zerkauten Mahlzeit schlucken wir eine Menge Luft, genauer gesagt Sauerstoff und Stickstoff. Je schneller wir essen und herunterschlingen, desto mehr Gase nimmt unser Körper auf. Die Speiseröhre gibt diese zusammen mit dem Speisebrei an den Magen ab.
Dünndarm:
Nachdem der Speisebrei den Magen durchlaufen hat, gelangt er in den Dünndarm. Dort entsteht Kohlendioxid durch die folgenden beiden Prozesse: Zum einen neutralisiert der Dünndarm die Magensäure, die am Speisebrei klebt. Zum anderen verdaut er Fette.
Dickdarm:
Im Dickdarm ist in Sachen Gas-Produktion richtig was los. Bakterien zerlegen die Reste der Nahrung und bauen unverdauliche Kohlenhydrate und Eiweiße ab. Die Nebenprodukte: Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan.
Wie werden wir all die Gase wieder los? Pupsen ist das naheliegendste. Aber nur etwa ein halber Liter der Gase verlässt unseren Körper durch den Po. Den überwiegenden Teil gibt der Dickdarm in die Blutbahn ab. So werden die Gase in die Lungen transportiert und ausgeatmet. Deswegen riecht man beispielsweise, wer vor kurzem Knoblauch gegessen hat.





