Ein kurzer Blick aufs Smartphone: Noch schnell die letzte Nachricht auf WhatsApp beantworten, ein Video auf TikTok verschicken, dann eine Story bei Instagram liken – und schon ist eine halbe Stunde wie im Flug vergangen. Zwischen Nachrichten, Storys und Posts verlieren wir oft jedes Zeitgefühl. Soziale Medien sind fester Bestandteil unseres Alltags, sie verbinden uns mit Menschen auf der ganzen Welt, liefern uns Unterhaltung und manchmal auch Trost. Doch nach dem sogenannten „Doomscrolling“ fühlt sich unser Kopf oft voll und leer zugleich an. Wie wirkt sich das ständige Online-Sein auf unser Gehirn aus? Und wie können wir soziale Medien sinnvoll nutzen?
(Doomsrolling: Exzessives, fast zwanghaftes Scrollen durch Social-Media-Feeds, bei dem es schwer fällt, den Absprung zu schaffen und das Smartphone beiseitezulegen.)
Die Digitalisierung hat unseren Alltag revolutioniert. Sie erleichtert uns vieles und fordert uns auch gleichzeitig auf ganz neuen Ebenen heraus. Besonders unser Gehirn erlebt ein völlig neues Ausmaß an Reizen und Signalen. Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Martin Korte beschreibt in einer umfassenden Analyse die Auswirkungen sozialer Medien auf unser Gehirn – und warum es so wichtig ist, einen bewussten Umgang mit ihnen zu lernen.
Was passiert im Gehirn, wenn wir ständig online sind?
In den sozialen Netzwerken jagt oft ein Impuls den nächsten: Likes, Nachrichten, Kommentare, Reels und Storys ploppen in immer kürzer werdenden Abständen auf dem Smartphone auf. Jedes dieser Signale wirkt auf uns wie ein regelrechter Aufmerksamkeitsmagnet, dabei ist es ganz egal, was wir gerade tun. Der Grund für diese Anziehungskraft: Wenn neue Likes und Herzen unter unseren Beiträgen auftauchen, wird in unserem Gehirn Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der uns motiviert und kurzfristig Glücksgefühle auslöst. Dieses Belohnungssystem des Gehirns ist evolutionär sinnvoll, besonders wenn wir etwas erreichen oder lernen müssen. Durch unser Smartphone wird es allerdings permanent künstlich aktiviert, und das oft auch ohne echten Inhalt dahinter. Die Folge: Wir geraten in eine Art digitalen „Stand-by“-Modus, sind immer bereit für den nächsten Reiz, doch fällt es uns zunehmend schwer, uns tiefer auf etwas einzulassen. Die Konzentration, das Gedächtnis und auch die Kreativität können unter der permanenten Reizüberflutung leiden.

- Das Arbeitsgedächtnis, also die Fähigkeit, Informationen kurzfristig zu behalten und zu verknüpfen, wird, wenn wir durch das Handy neben uns ständig im „Stand-by“-Modus sind, stark beansprucht. Dann passiert das, was viele von uns kennen: Man hat einen „vollen Kopf“ und trotzdem das Gefühl, unproduktiv zu sein.
- Multitasking, besser gesagt der ständige und schnelle Wechsel zwischen Aufgaben und Reizen, sorgt dafür, dass im Gehirn viel Energie verbraucht, ohne dass auch viel geleistet wird. Es fehlt die Ruhe zur Vertiefung von Informationen. Wer dauerhaft digital abgelenkt ist und den Blick immer halb auf das Smartphone gerichtet hat, gewöhnt sich an schnelles, aber sehr oberflächliches Denken.
- Informationen, die wir nur noch flüchtig aufnehmen und nicht wiederholen, haben gar nicht mehr die Chance, in unser Langzeitgedächtnis zu kommen. Das Gedächtnis funktioniert wie ein Muskel: Die Gedächtnisleistung kann durch gezieltes Training verbessert werden, wird sie jedoch nicht beansprucht, verschlechtert sie sich.
Wie stark sind Kinder und Jugendliche gefährdet?
Neben den Auswirkungen auf der kognitiven Ebene gibt es auch soziale Effekte, die sich besonders auf Kinder und Jugendliche, also die „Digital Natives“, auswirken. Sie sind mit Smartphones und Tablets oft schon von klein auf so vertraut, dass sie in Windeseile online agieren, während die Eltern über die Geschwindigkeit und intuitive Bedienung nur noch staunen können. Ein Großteil der Kommunikation, auch mit Freunden, findet online statt und echte Begegnungen werden seltener.
Die „sozialen Areale“ im Gehirn, die für Empathie und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zuständig sind, werden nicht mehr so oft stimuliert. Zwischenmenschliches Feingefühl kommt bei der Verlagerung in die digitale Welt zu kurz und wer nur online interagiert, kann schnell unter der sogenannten „digitalen Vereinsamung“ leiden.
Kinder und Jugendliche sind in ihren Werten und Ansichten oft auch noch nicht so gefestigt wie Erwachsene und tendieren deshalb noch stärker dazu, sich mit unrealistischen Online-Vorbildern zu vergleichen.

Aber: Soziale Medien sind nicht per se gut oder schlecht
Mit dem Wissen um die Risiken und Auswirkungen sozialer Medien auf das Gehirn ist es wichtig, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Digitale Medien, Tools und Netzwerke sollten nicht voreilig verteufelt werden. Noch weiß man wenig über die Langzeitfolgen des ständigen Online-Seins und die Studienlage ist oft auch wenig objektiv. Der Umgang mit den sozialen Netzwerken kann laut Prof. Dr. Korte auch Chancen bieten, zum Beispiel beim Lernen, bei der Vernetzung und in der gesellschaftlichen Teilhabe. Das A und O ist deshalb eine bewusstere Herangehensweise.
Die Balance zurückgewinnen und das Gehirn gezielt entlasten
- Wie der Körper braucht auch das Gehirn Pausen: Momente ohne Reize, Benachrichtigungen oder Vergleiche mit anderen. Sorgen Sie für sich selbst und besonders für Ihre Kinder dafür, dass solche Pausen regelmäßig in den Alltag integriert sind. Das kann ein Spaziergang sein oder auch kleine handyfreie Rituale wie ein Gesellschaftsspiel oder das gemeinsame Mittagessen ohne Geräte am Tisch.
- Um eine gesunde Balance zu finden, müssen Sie sich die sozialen Medien nicht verbieten, sondern vielmehr dafür sorgen, dass Sie ihnen bestimmte Zeitfenster einräumen, um sich in der restlichen Zeit wieder fokussierter und konzentrierter auf andere Dinge einzulassen. So können Sie die Vorteile der Digitalisierung nutzen, ohne sich in ihr zu verlieren.
- Viele Menschen verdienen auf Facebook, Instagram und Co. ihr Geld und nutzen die sozialen Medien gewinnbringend für sich. Wer nicht nur konsumiert, sondern auch aktiv Inhalte erstellt, kann die eigene Kreativität fördern.
Wussten Sie schon?
Die vivida bkk setzt sich für zahlreiche Gesundheitsförderungs-Projekte in jeder Lebensphase ein. So auch für den richtigen Umgang mit digitalen Medien während des Aufwachsens. Das Projekt #seiSmart hat sich zum Ziel gesetzt, einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien und digitaler Kommunikation nachhaltig an Schulen zu verankern. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus der 8. oder 9. Klassenstufe werden dafür als Smart-Agents ausgebildet. Die Smart-Agents sind in der Schule Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen für die digitalen Medien und Themen wie beispielsweise Smartphones und Internet. Ihre Aufgabe ist es dann, in einer Patenklasse (5. oder 6. Klasse) wichtige Informationen wie Privatsphäre-Einstellungen oder Nutzungsrechte zu vermitteln und bei Fragen und Problemen wie Cyber-Bullying Hilfestellungen zu geben. Weitere Informationen zu diesem und anderen Projekten finden Sie hier.