Longevity: vom langen und gesunden Leben
Der Begriff Longevity begegnet uns inzwischen überall: in Podcasts, auf Social Media, in Gesundheits-Apps und in den Medien. Übersetzt bedeutet Longevity so viel wie Langlebigkeit. Dabei geht es nicht nur darum, die Lebensspanne zu verlängern, sondern fit und gesund älter zu werden. Oft wird Longevity mit Nahrungsergänzungsmitteln, täglichen Sporteinheiten und Schlaftracking in Verbindung gebracht, aber auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, zum Beispiel darüber, wie die Zellalterung beeinflusst werden kann. Im Interview gibt Neurophysiologe Dr. Gerd Wirtz spannende und leicht verständliche Einblicke in die Faszination des langen Lebens.

Herr Dr. Wirtz, wie definieren Sie Longevity und würden Sie von einem Trend oder gar Hype sprechen?
Eine einheitliche Definition gibt es tatsächlich nicht, und genau das führt dazu, dass der Begriff heute sehr inflationär und teilweise auch missverständlich verwendet wird. Man findet plötzlich „Longevity-Cremes“ oder allerlei Produkte, die mit dem Begriff werben.
Das greift aus meiner Sicht zu kurz. Für mich bedeutet Longevity die Wissenschaft und Praxis eines möglichst langen, aber vor allem gesunden Lebens. Es geht also nicht nur um zusätzliche Lebensjahre, sondern um möglichst viele gesunde Lebensjahre. In der Forschung wurde dafür der Begriff „Healthspan“ geprägt.
Ich würde deshalb nicht von einem Hype sprechen, sondern eher von einer notwendigen Korrektur. Wir beginnen zu verstehen, dass wir unsere potenziell erreichbare Lebensspanne durch unseren Lebensstil aktiv verkürzen. Faktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, chronischer Stress und Schlafdefizite sind die entscheidenden Treiber.
Genau diese Faktoren lassen sich im Alltag beeinflussen. Dafür braucht es weder Luxuskliniken noch teure Nahrungsergänzungsmittel, sondern vor allem ein bewusst gestaltetes Verhalten.
Viele Menschen verbinden Longevity mit „Anti-Aging“. Wo liegt der Unterschied?
Der Begriff „Anti-Aging“ ist aus meiner Sicht schon im Ansatz problematisch, weil er suggeriert, man könne das Altern verhindern. Das ist biologisch nicht möglich. Klassisch versteht man unter Anti-Aging eher kosmetische oder symptomorientierte Ansätze, also Maßnahmen, die sichtbare oder messbare Alterserscheinungen reduzieren sollen, etwa in der Haut oder im Hormonhaushalt.
Longevity geht deutlich weiter. Hier steht nicht das „Aufhalten“ des Alterns im Vordergrund, sondern das Verlangsamen biologischer Alterungsprozesse und die Vermeidung altersassoziierter Erkrankungen. Die Forschung schaut dabei auf Mechanismen wie Entzündungsprozesse, Zellalterung, mitochondriale Funktion oder Stoffwechselregulation.
Ein moderner wissenschaftlicher Rahmen sind die sogenannten „Hallmarks of Aging“, also zentrale biologische Mechanismen des Alterns. Sie wurden erstmalig von einer Forschergruppe 2013 veröffentlicht und 2023 ergänzt.
Longevity-Strategien zielen darauf ab, diese Prozesse positiv zu beeinflussen. Das kann durch Lebensstil und Prävention gelingen. In Zukunft möglicherweise auch durch gezielte medizinische Interventionen.
Für Einsteiger wirkt das Thema oft überfordernd. Wie trennt man seriöse von unseriösen Informationen?
Ein großes Problem ist tatsächlich die sinkende Gesundheitskompetenz, die Fähigkeit, verlässliche Informationen zu erkennen und einzuordnen. Studien zeigen, dass diese Kompetenz in vielen Ländern, auch in Deutschland, eher abnimmt.
Gleichzeitig haben wir durch soziale Medien eine enorme Informationsflut. Dort treten viele selbsternannte Experten auf, die häufig wirtschaftliche Interessen verfolgen und Inhalte verbreiten, die zumindest fragwürdig, teilweise sogar gesundheitsschädlich sind.
Mein pragmatischer Rat wäre: Verlassen Sie sich nicht primär auf Social Media. Suchen Sie sich stattdessen einen Arzt oder Gesundheitsberater Ihres Vertrauens, idealerweise mit Schwerpunkt Prävention.
Ein zweiter wichtiger Schritt ist eine fundierte Bestandsaufnahme. Wo stehe ich gesundheitlich? Welche Risikofaktoren habe ich? Erst wenn man seine individuellen Defizite und Gesundheitsbedürfnisse kennt, kann man gezielt und sinnvoll gegensteuern.
Was wiegt mehr: Lebensstil oder technologischer Fortschritt?
Ich halte diese Gegenüberstellung für wenig sinnvoll, weil sich beide Faktoren gegenseitig ergänzen. Der Lebensstil bleibt die Basis. Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stressmanagement sind die entscheidenden Hebel. Der technologische Fortschritt hilft uns enorm, diese Bereiche besser zu verstehen und zu optimieren. Wearables können Trainingssteuerung präzisieren, Schlafqualität messbar machen oder Belastung und Regeneration sichtbar machen. Auch im Bereich Ernährung oder Diagnostik eröffnen neue Technologien ganz andere Möglichkeiten.
Technologie ersetzt also keinen gesunden Lebensstil, aber sie kann ihn deutlich effektiver machen.
Und noch eine Gewichtung: Gene oder Lebensstil – was hat mehr Einfluss auf unseren Alterungsprozess?
Die Datenlage ist hier inzwischen relativ klar: Unsere Gene sind die Ausgangsbasis, aber sie bestimmen nur einen Teil unseres Schicksals. Zahlreiche Studien zeigen, dass etwa 20 bis 30 % der Lebensdauer genetisch bedingt sind, während 70 bis 80 % durch Umwelt und Lebensstil beeinflusst werden.
Der Schlüssel liegt in der Epigenetik. Dabei geht es um chemische Modifikationen an unseren Genen, die wie Schalter wirken und Gene an- oder ausschalten können. Diese Schalter reagieren sehr sensibel auf Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Stress oder Umweltbedingungen.
Große populationsbasierte Studien haben das untermauert. Lebenspartner, die einen ähnlichen Lebensstil pflegen und unter identischen Rahmenbedingungen leben, haben eine ähnlichere Lebensspanne als genetische Verwandte.
Bewegung gilt als ein wichtiger Faktor für gesundes Älterwerden. Muss es Sport sein oder reicht auch Alltagsbewegung wie Treppensteigen oder Spazieren?
Jede Bewegung zählt, und Alltagsaktivität ist ein wichtiger Bestandteil. Treppensteigen, Spazierengehen oder Gartenarbeit sind absolut sinnvoll und sollten konsequent genutzt werden. Für eine optimale gesundheitliche Wirkung reicht das allein jedoch meist nicht aus. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche.
Ein sinnvoller Ansatz ist:
- etwa 80 % der Aktivität im moderaten Bereich (z. B. Herzfrequenzzone 2)
- etwa 20 % mit höherer Intensität, etwa durch Intervalltraining, um gezielt das Herz-Kreislauf-System zu fordern
- zusätzlich zwei Einheiten Krafttraining pro Woche für die großen Muskelgruppen
- ergänzend tägliche Mobilisation zur Erhaltung der Beweglichkeit
Diese Kombination hat in Studien die besten Effekte auf Stoffwechsel, Herzgesundheit und funktionelle Leistungsfähigkeit im Alter gezeigt.
Auch Ernährung wird im Zusammenhang mit Longevity oft diskutiert. Worauf kommt es hier aus Ihrer Sicht wirklich an?
Ernährung ist ein Feld mit ständig wechselnden Trends, deshalb sollte man sich auf robuste Grundprinzipien konzentrieren.
Wichtige Punkte sind:
- regelmäßige Esspausen, zum Beispiel durch Intervallfasten (12–16 Stunden), was positive Effekte auf Stoffwechsel und Zellreparaturprozesse haben kann
- Reduktion von Zucker, insbesondere verstecktem Zucker in Getränken und verarbeiteten Lebensmitteln
- Bevorzugung frischer, möglichst unverarbeiteter Lebensmittel
- deutlich weniger hochverarbeitete Produkte wie Wurstwaren oder „Convenience Food“
- eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung (z. B. 80 % pflanzlich, 20 % tierisch)
- Vielfalt durch „buntes Essen“, was eine breite Versorgung mit Mikronährstoffen unterstützt
- Maßhalten bei der Portionsgröße – auch, weil das Sättigungsgefühl zeitverzögert einsetzt
Viele dieser Prinzipien finden sich übrigens in Ernährungsformen, die in Studien immer wieder mit höherer Lebenserwartung assoziiert sind, etwa der mediterranen Ernährung.
Welche Rolle spielen mentale Gesundheit und soziale Kontakte?
Eine sehr große. Lange Zeit wurde dieser Bereich unterschätzt, heute wissen wir, dass Einsamkeit ein signifikanter Risikofaktor ist – vergleichbar mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Bewegungsmangel.
Chronischer Stress wirkt sich zudem direkt auf den Körper aus, etwa über erhöhte Cortisolspiegel, Entzündungsprozesse und negative Effekte auf das Herz-Kreislauf-System.
Umgekehrt wirken soziale Einbindung, Lebensfreude und ein subjektiver Lebenssinn nachweislich protektiv. Sie beeinflussen sowohl das Verhalten als auch biologische Prozesse.
Ab wann sollte man sich mit Longevity beschäftigen? Ist es irgendwann „zu spät“?
Eigentlich gilt: Es ist nie zu früh und niemals zu spät. Frühe Prägung ist wichtig, etwa durch gesunde Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten im Kindesalter. Gleichzeitig zeigen viele Studien, dass Veränderungen auch später im Leben noch einen erheblichen Effekt haben.
Selbst Menschen, die erst mit 50 oder 60 beginnen, ihren Lebensstil zu verbessern, können ihre Lebenserwartung und vor allem ihre gesunden Lebensjahre deutlich steigern.
Es gibt sogar Untersuchungen, die zeigen, dass selbst Hochbetagte, auch im Alter von über 80 oder 90 Jahren, durch gezieltes Krafttraining noch relevante Muskelzuwächse erzielen können.
Welche drei Gewohnheiten empfehlen Sie konkret für den Einstieg?
Wenn ich es auf drei Dinge reduzieren müsste, wären es:
- tägliche Bewegung, in welcher Form auch immer
- regelmäßige Esspausen, zum Beispiel durch tägliches Intervallfasten oder 1-2 jährliche Fastenwochen
- soziale Verbindung pflegen
Mit diesen kleinen Veränderungen können Sie große Wirkungen erzielen.
