Unsere Wahrnehmung von Zeit kann trügerisch sein: Mal vergehen Stunden und Tage wie im Flug, mal kommen uns wenige Minuten zäh wie Kaugummi vor. Was beeinflusst unser Zeitgefühl? Wo ist es im Körper verortet? Und wie können wir es vielleicht sogar austricksen?
Wie Zeit vergeht, fühlt sich nicht für jeden gleich an
Unsere Zeitwahrnehmung ist trügerisch: Als Kinder haben wir Sommer erlebt, die sich unendlich angefühlt haben, doch je älter wir werden, desto schneller verfliegen die Jahre. So kommt es uns zumindest vor. In einer Studie haben Forscher Versuchspersonen zwischen 14 und 94 Jahren zu ihrer Zeitwahrnehmung der letzten zehn Jahre befragt. Das Ergebnis: Für die jüngeren Befragten dauerte die Zeitspanne subjektiv betrachtet länger als für die älteren Befragten.
Wie nehmen wir Zeit überhaupt wahr?
Wie funktioniert unsere Zeitwahrnehmung eigentlich? Wir haben kein Organ im Körper, das dafür verantwortlich ist, wie zum Beispiel die Nase für Gerüche. Und trotzdem nehmen wir die Zeit wahr. Zum Beispiel, wenn es draußen hell und dunkel wird, die ersten Frühlingsknospen aufblühen oder ein Apfel langsam verfault. Veränderungen im Außen geben uns ein Gefühl für Dauer und lassen uns spüren, dass Zeit vergeht. Genauso können wir aber auch in einem vollkommen dunklen Raum ein Gefühl für Zeit haben, das aus unserem Inneren zu kommen scheint: Wir nehmen unseren Herzschlag wahr, oder wie sich unsere Atmung verändert.
Wie Erlebnisse unsere Zeitwahrnehmung beeinflussen
Jeder von uns kennt wahrscheinlich das folgende Paradoxon: Eine Zeitspanne, in der unglaublich viel Neues passiert – zum Beispiel in einem Urlaub an einem Ort, an dem wir noch nie waren – geht vorüber wie nichts. Der Rückflug hingegen, der vielleicht nur ein paar Stunden dauert, fühlt sich im Vergleich wie eine Ewigkeit an. Rückblickend verändert sich diese Wahrnehmung dann vollkommen: Wir werden uns kaum mehr an kleine Momente des Wartens oder Phasen erinnern, in denen wir in unserem Alltagstrott gelebt haben, wohingegen uns Phasen oder sogar Jahre, in denen sehr viel Neues oder auch Emotionales passiert ist, im Vergleich sehr viel länger vorkommen. Wie wir die Zeit in einem bestimmten Moment wahrnehmen, unterscheidet sich also vollkommen davon, wie wir darauf zurückblicken.
Eine weitere Erklärung: Die proportionale Zeitwahrnehmung
Für ein Kind, das auf Weihnachten wartet, ist der Monat Dezember gefühlt unendlich lang, während wir mit 50 das Gefühl haben, im Nu ist Weihnachten. Das liegt auch daran, dass ein Monat oder ein Jahr proportional einen viel größeren Teil des Lebens eines Kindes ausmacht als für uns. Wir haben im Erwachsenenalter auch viel mehr „Vergleichsmonate“ und erleben sie daher gefühlt kürzer.
Unter Forschern gibt es die Annahme, dass im Gehirn die „Insula“, die auch für die Selbstwahrnehmung verantwortlich ist, bei der Wahrnehmung von Zeit eine wichtige Rolle spielt. Das bewusste Wahrnehmen innerer Zustände ist vermutlich eng damit verknüpft, Zeit abzuschätzen.
Der Zauber der ersten Male
Eng damit zusammen hängt eine weitere Erklärung, warum es uns im Kinder- oder jugendlichen Alter vorkommt, als verginge die Zeit langsamer. Beim Heranwachsen tun und erleben wir sehr viele Dinge zum ersten Mal: Der erste Ausflug an den See, das erste Wassereis, der erste Kuss oder auch das erste Mal Auto fahren brennen sich stärker ins Gedächtnis wie die hundertste Autofahrt oder die zehnte Reise an den Gardasee. Die Erlebnisse werden mit der Zeit immer weniger als einschneidend empfunden und rückblickend betrachtet geht ein Jahr ohne einschneidende Erlebnisse viel schneller vorbei als ein Jahr mit vielen ersten Malen.

Können wir unsere Zeitwahrnehmung beeinflussen?
Mit diesen Erkenntnissen können wir dem schwermütigen Gefühl, dass die Jahre nur so vorbeifliegen, zumindest ab und zu entgegensteuern:
- Neues erleben: Wer sich immer wieder bewusst für neue erste Male entscheidet, schafft intensive Erinnerungen, die uns im Moment vielleicht kurz(weilig) vorkommen, rückblickend aber für mehr Tiefe in unserer Zeitwahrnehmung sorgen.
- Aus Routinen ausbrechen: Auch das Ausbrechen aus Routinen kann dabei helfen, den Alltagstrott zu durchbrechen. Das kann ganz einfach mit einem neuen Weg zur Arbeit oder einem neuen Hobby gelingen.
- Weniger auf die Uhr und mehr auf den Moment schauen: Umgekehrt kann es in Situationen, die einfach nicht vorbeigehen möchten, helfen, weniger auf die Uhr zu schauen, sondern sich mehr auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
- Erinnerungen aktiv festhalten: Damit sich in der Retrospektive nicht alles wie aus einem einzigen Guss anfühlt, empfiehlt es sich, Tagebuch zu schreiben. So merkt man schnell, dass auch in einem rasch verflogenen Jahr viel Erinnerungswürdiges passiert ist.
Schon gewusst? Hunde können Zeit riechen
Hunde orientieren sich nicht nur an Licht oder Routinen, sondern auch an Gerüchen. Die Forscherin Alexandra Horowitz hat die Hypothese aufgestellt, dass Hunde am Verfliegen des Geruchs ihres Herrchens oder Frauchens abschätzen können, wie viel Zeit vergangen ist. Kommt der Besitzer immer ungefähr zur gleichen Zeit nach Hause, könnten Hunde diesen Zeitpunkt anhand des Geruchs in der Wohnung erstaunlich exakt „vorausahnen".