Tabuthema Reizdarm
Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine der häufigsten Diagnosen unter den Magen-Darm-Erkrankungen und dennoch spricht im Alltag kaum jemand darüber. Für Außenstehende sind die Beschwerden oft unsichtbar – für Betroffene hingegen sind sie allgegenwärtig und schränken die Lebensqualität stark ein. Das Tabu zu brechen, Mechanismen zu erkennen und Auslöser zu verstehen, können Schritte in Richtung Linderung sein.
Was ist das Reizdarmsyndrom (RDS)?
Von einem Reizdarmsyndrom (RDS) spricht man bei chronischen und wiederkehrenden Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen und -krämpfen, Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder verändertem Stuhlgang. Die Symptome können bei jedem Betroffenen ganz unterschiedlich auftreten: Manche Menschen kommen im Alltag gut mit ihnen zurecht, für andere sind schon ganz alltägliche Situationen wie Busfahrten oder Meetings – geschweige denn Reisen – kaum zu bewältigen.
Die Energie, die aufgewendet wird, um Symptome wie Blähungen oder ganz plötzlich auftretenden Durchfall vor dem Umfeld zu verbergen, kommt noch hinzu. Wenn sich in den Gedanken der Betroffenen alles nur noch um Fragen rund um den Reizdarm dreht („Wo ist zur Not die nächste Toilette?“, „Kann ich vor der Busfahrt noch etwas essen oder gehe ich ein Risiko ein?“, „Muss ich die Wanderung mit Freunden besser absagen, weil der Darm vielleicht nicht mitspielt?“), kann von einem unbeschwerten Alltag keine Rede mehr sein.
Wie häufig ist das Reizdarmsyndrom in Deutschland?
Wer recherchiert, wie weit das Reizdarmsyndrom in Deutschland verbreitet ist, stößt schnell auf unterschiedliche Zahlen: Mal ist von jedem Zehnten die Rede, mal sogar von 20 Prozent der Bevölkerung, die betroffen sind. Das liegt vor allem daran, dass die Kriterien, welche Menschen unter die Kategorie Reizdarm fallen, nicht immer haarscharf abzugrenzen sind.
Es gibt auch keine standardisierte Routine-Diagnostik. Ein Grund, warum man häufig sogar von einem noch höheren Prozentsatz ausgeht, ist, dass viele Betroffene sich für ihre Symptome schämen und lange oder gar nicht zum Arzt gehen.
Was man über das Reizdarmsyndrom wissen sollte
Das Reizdarmsyndrom betrifft Frauen häufiger als Männer. Die Erkrankung tritt meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren das erste Mal auf und verläuft chronisch und schubweise. Lange ging man von psychischen Erkrankungen als alleinige Ursache aus, aber auch eine veränderte Darmflora, überempfindliche Nerven im Darmbereich oder Entzündungen in der Darmwand, die Einnahme von Antibiotika und die Ernährung können bei der Entwicklung eines RDS eine Rolle spielen. Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich außerdem um ein „biopsychosoziales Krankheitsbild“: Die Beschwerden können bei den Betroffenen mentale Auswirkungen haben und zum Beispiel zu Depressionen oder Angstzuständen führen. Diese wiederum wirken sich auf die Symptome des RDS aus – mentale Faktoren können also sowohl Auslöser als auch Folge sein.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose Reizdarmsyndrom ergibt sich nicht durch einen einzelnen Test, sondern durch ausführliche Anamnese-Gespräche und den schrittweisen Ausschluss anderer Ursachen. Wer den Verdacht hat, am Reizdarmsyndrom zu leiden, kann vor dem Arztbesuch schon ein Tagebuch über die Beschwerden führen und den Weg zur richtigen Diagnose so beschleunigen. Steht dann die Diagnose Reizdarm im Raum, gibt es ganz unterschiedliche Maßnahmen, die immer individuell abgewogen werden müssen. Neben Medikamenten wie zum Beispiel Krampflösern oder Mitteln gegen Verstopfung/Durchfall wird gerade bei sehr starken Beschwerden und Einschränkungen im Alltag auch eine kognitive Verhaltenstherapie empfohlen. Auch Bewegung und eine Ernährungsumstellung können helfen, die Symptome in den Griff zu bekommen.
5 Tipps: So gehen Sie mit dem Tabuthema Reizdarm im Alltag um
- Sicherheitspuffer schaffen: Legen Sie sich Strategien zurecht, die Ihnen in Notsituationen schnell helfen und die Sie, einmal vorbereitet, immer wieder und automatisiert nutzen können. So umgehen Sie die Gefahr, dass sich Ihr Alltag nur noch um das Thema Reizdarm dreht. Legen Sie sich zum Beispiel ein Erste-Hilfe-Set bereit: mit frischer Unterwäsche, Feuchttüchern, Wärmepflastern, verschließbaren Beuteln und Durchfalltabletten.
- Auf „Verbündete“ zählen: Das Tabuthema Reizdarm zu brechen muss nicht heißen, gleich das gesamte Umfeld einzuweihen. Oft reichen schon ein oder zwei „Eingeweihte“, die in Notsituationen ohne viel Worte wissen, was Sie benötigen und Ihnen stärkend zur Seite stehen.
- Vorbeugen durch Tagebuchführen: Nehmen Sie sich die Zeit, genau zu beobachten und zu notieren, wann Ihre Symptome verstärkt auftreten und welche Lebensmittel beispielsweise guttun oder ein No-Go sind. So wissen Sie auch unterwegs, mit welchen Speisen Sie das geringste Risiko eingehen.
- Entspannungsrituale etablieren: Es ist bestimmt nicht einfach, die Nerven zu behalten, wenn sich die ersten Reizdarm-Symptome ankündigen. Doch die akute Anspannung zu reduzieren, wirkt sich unmittelbar auf den Darm aus. Verlängern Sie bewusst Ihre Atmung (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus), lassen Sie die Schultern sinken und entspannen Sie Ihren Kiefer.
- Symptome enttabuisieren: Vorbereitete, klare Sätze können im Alltag extrem entlasten, zum Beispiel: „Können wir einen Platz am Gang wählen? Ich habe manchmal Magen-Darm-Beschwerden und fühle mich so sicherer“, „Mein Bauch macht mir manchmal einen Strich durch die Rechnung, dann brauche ich einfach eine kurze Pause und bin gleich zurück“.

Unterm Strich gilt: Wie offen Sie sein möchten, müssen Sie für sich selbst entscheiden – teilen Sie sich so weit mit, wie es Ihnen guttut. Wichtig ist, dass Sie sich bewusst machen, dass die meisten Menschen in Ihrem Umfeld, selbst wenn sie nicht chronisch betroffen sind, Ihre Beschwerden schon mehr als einmal selbst erlebt und Verständnis dafür haben.
Unterstützung für Sie durch die vivida bkk: Ernährungsberatung
Die Ernährung kann beim Reizdarmsyndrom eine große Rolle spielen. Die vivida bkk übernimmt für Sie die Kosten im Rahmen einer Einzelberatung in Höhe von 90 Prozent der Gesamtkosten. Die Kostenübernahme ist auf maximal 5 Einzelberatungen à 60 Minuten in Höhe von 54 Euro pro Sitzung begrenzt.
Wichtig zu wissen: Eine wesentliche Voraussetzung für die Kostenübernahme ist, dass die Beratung durch einen Arzt oder einen qualifizierten Ernährungsberater, wie zum Beispiel einen Diplom-Ökotrophologen oder einen Diätassistenten, durchgeführt wird. Weitere Informationen und alle Voraussetzungen finden Sie hier.
