
„Kinder sollten nicht in Haifischbecken schwimmen“
Medienpädagoge Clemens Beisel vergleicht soziale Netzwerke mit Haifischbecken. Im Interview erklärt er, wie Familien einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien finden.
Herr Beisel, was hat Sie dazu bewogen, Medienpädagoge zu werden?
Die Faszination für die Wirkung digitaler Medien und mein Eindruck, dass es vielen schwerfällt, einen gesunden Umgang damit zu lernen. Deshalb wollte ich an Schulen gehen und jungen Menschen eine verantwortungsvolle Mediennutzung vermitteln. Etwas, das wir auch als Erwachsene lernen müssen.
Wie definieren Sie Medienkompetenz?
Das ist für mich der kritische und reflektierte Umgang mit digitalen Medien. Dabei stoßen wir aber an Grenzen, weil die großen Tech-Konzerne gezielt Mechanismen entwickeln, die uns auf ihren Plattformen halten. Das Gehirn von Kindern entwickelt sich noch und sie handeln eher explorativ und machen Dinge, die ihnen Spaß machen. Eine kritische Reflexion fällt ihnen in diesem Alter also noch sehr schwer.
Wie stehen Sie zur aktuellen Diskussion über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche?
Ich vergleiche die Situation in sozialen Netzwerken gerne mit einem Haifischbecken: Wir haben jahrelang dabei zugeschaut, wie sowohl Kinder als auch Erwachsene mit überhöhten Idealen, süchtig-machenden Algorithmen, Fake-Profilen oder Falschinformationen konfrontiert werden. Jetzt fangen wir endlich an, darüber zu diskutieren, ob wir im „Haifischbecken“ Social Media schwimmen sollten. Ich bin der Ansicht, dass wir Kindern beibringen können, wie man sich in der Gegenwart von Haien verhält. Aber eigentlich wäre es ja besser, wenn wir Schwimmbecken ohne Haie hätten. Wir brauchen eine bessere Regulierung sozialer Medien – politisch bewegt sich da jetzt zum Glück etwas. Die Diskussion, die wir gerade führen, hätten wir aber eigentlich schon vor 15 oder 20 Jahren bei SchülerVZ führen müssen.
Was sind die Hauptrisiken für Kinder und Jugendliche?
Grundlegend ist das die Zeitallokation: Die Zeit, die ich online verbringe, fehlt für soziale Interaktionen, Hobbys oder Bewegung. Das sind aber Reize, die für die Gehirnentwicklung von jungen Menschen wichtig sind. Dazu kommt das ständige Vergleichen. Wenn Kinder Schönheitsfilter verwenden und merken, dass der Filter ihre Nase „korrigiert“, bekommen sie die Botschaft „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Was löst das in Kindern aus? Ideale Bilder gibt es zwar auch im Fernsehen und auf Plakaten, aber es ist etwas anderes, wenn sie ständig damit konfrontiert werden. Weitere Risiken sind nichtjugendgerechte Inhalte und Cybergrooming – also dass Kinder von Erwachsenen angeschrieben werden, die unangemessene Dinge von ihnen verlangen oder ihnen zuschicken. Auch Fake News sind ein großes Thema: Durch Algorithmen landet man in Blasen, die einem nur noch Dinge anzeigen, die der eigenen Meinung entsprechen.
Wie wirkt sich das aus?
Die vivida bkk hat in ihrer Studie „Zukunft Gesundheit“ junge Menschen zwischen 14 und 34 Jahren befragt. 57 Prozent von ihnen nutzen Social Media, um mehr über das Leben und den Lifestyle anderer zu erfahren. Gleichzeitig sagten 47 Prozent, dass sie sich nach dem Social-Media-Swipen häufig schlechter fühlen als vorher. Mehr als zwei Drittel verbringen mehr Zeit auf Social Media, als sie eigentlich möchten. Andere Studien zeigen, dass rund ein Viertel der 12- bis 19-Jährigen digitale Medien riskant bis abhängig nutzen, rund fünf Prozent sind süchtig.
Was können Eltern präventiv tun?
Das Wichtigste ist, dranzubleiben und immer wieder nachzufragen: Was machst du da eigentlich? Wie geht es dir damit? Eltern sollten ihre Kinder begleiten und auch klare Grenzen setzen – nicht immer der beste Freund oder die beste Freundin des Kindes sein. Damit meine ich Grundpfeiler setzen, eine Bildschirmzeit festlegen – und wenn es mal ein paar Minuten mehr sind, ist das kein Drama. Aber der Rahmen muss klar sein. Noch besser ist eine wöchentliche Bildschirmzeit. Das nimmt den Druck raus, dass die wertvolle Bildschirmzeit sozusagen verfällt, wenn ich sie jetzt nicht nutze. Auch technische Hilfsmittel sind sinnvoll, etwa gemeinsam mit den Kindern App-Limits festlegen und Datenschutz- sowie Privatsphäre-Einstellungen vornehmen. Damit Eltern das überhaupt leisten können, müssen sie informiert sein. Sie brauchen selbst Medienkompetenz und sollten wissen, welche digitalen Angebote ihre Kinder nutzen. Dabei hilft zum Beispiel der digitale Elternabend der vivida bkk.
Was sollten Eltern am besten vermeiden?
Am häufigsten kommen die drei „B“ zum Tragen: Digitale Medien sollten nicht zur Belohnung, nicht zur Bestrafung und nicht zur Beruhigung eingesetzt werden. Wenn ich sage: „Du darfst zur Belohnung noch ein Videospiel spielen“, hebe ich es auf einen Sockel. Wenn ich zur Strafe das Handy wegnehme, vermittle ich: „Das Handy ist so toll, dass es eine richtige Bestrafung ist, es wegzunehmen.“ Und zur Beruhigung eingesetzt verhindern digitale Medien, dass Kinder andere Strategien lernen, um sich selbst zu regulieren. Ein paar einfache, aber wirkungsvolle Tipps: Das Handy sollte nicht im Kinderzimmer übernachten. Je früher Eltern klare Regeln etablieren, desto weniger Diskussionen gibt es, wenn die Kinder älter werden. Am Esstisch und bei den Hausaufgaben sollte Handytabu herrschen. Außerdem braucht es bildschirmfreie Momente – zum Beispiel einen medienfreien Tag pro Woche für die ganze Familie oder mindestens eine klar verabredete bildschirmfreie Aktivität am Tag.
Digitaler Elternabend
In zahlreichen Video-Einheiten spricht Clemens Beisel beim digitalen Elternabend der vivida bkk über gesunde Handynutzung, das erste Smartphone und nimmt soziale Netzwerke unter die Lupe. Er diskutiert mit Experten über Mediensucht und jugendgefährdende Inhalte und wirft auch einen Blick auf Streaming-Anbieter wie Netflix. Sie erhalten sechs Monate kostenfrei unbegrenzten Zugang zu den Video-Einheiten. Mehr Informationen unter: www.vividabkk.de/digitalerelternabend
Blicken wir in die Zukunft: Wo geht die Reise bei den sozialen Medien hin?
Mir macht es Hoffnung, dass wir mittlerweile gesamtgesellschaftlich darüber diskutieren. Ich arbeite seit zwölf Jahren in diesem Bereich und erst seit anderthalb Jahren ist die öffentliche Diskussion da. Dafür haben Menschen wie ich lange gekämpft. Es riecht nach Veränderungen im Land und es ist gut, dass darüber gestritten wird. Auch in den Schulen verändert sich etwas: Viele diskutieren über Handyverbote, über Medienkompetenz und -bildung. Und für Eltern wird es einfacher, ihre Kinder zu begleiten: Angebote wie der digitale Elternabend oder verlässliche Kinderschutz-Software gab es vor fünf Jahren so noch nicht. Wir stehen in der Verantwortung – und wir haben wirksame Werkzeuge an der Hand. ∙
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